Vor 15 Jahren nahm sie Abschied von der Bühne, die Tänzerin Nesrin Topkapi. Ihr kraftvoller, erdiger Tanz ist verwurzelt in der türkischen Kultur. Nur wenige Tänzerinnen genießen wie sie auch gesellschaftliche Akzeptanz und Anerkennung. Nun strebt sie mit einer neuen Aussage im Tanz eine zweite Karriere an. Während eines Istanbul-Aufenthaltes nutzten Ute Dietz und Walter Ben Antar die Gelegenheit, mit Nesrin Topkapi über ihre Karriere und ihren neuen Weg zu sprechen...

...Schon in jungen Jahren wurde Nesrin Topkapi deshalb zum "öffentlichen Ärgernis", ihretwegen wurde in Adana ein Tanzlokal geschlossen - mit der Begründung, Nesrin sei zu jung. Sie erzählt, daß sie von anfang an in einem ständigen Konflikt um Liebe und Verleugnung für diesen Tanz gelebt hat...

...1979 trat Istanbuls Tanzstar als erste Tänzerin öffentlich im Fernsehen auf, was zu überregionaler Bekanntheit und Popularität in der Türkei führte. Der Erfolg forderte aber auch seinen Tribut. Im Laufe der Zeit gerieten die Auftritte immer mehr zu einer Suche nach ständig Neuem und Aufregendem. Das Allroundtalent war gefragt: Bauchtanzen, Singen türkischer und europäischer Lieder sowie türkische Folklore gehörten zum Repertoire und forderten Nesrins Kreativität. "Das war vor etwa fünfzehn Jahren, ich war erschöpft und hörte auf, öffentlich zu tanzen. Die Zeit ab da war nicht einfach", erzählt sie und berichtet von Einsamkeit, Mutlosigkeit und Beziehungslosigkeit...

...Nesrin Topkapi: "Talent alleine genügt nicht, um Tanz zu kreieren. Es muß eine Beziehung zum Tanz entstehen, eine Liebesbeziehung, eine differenzierte Betrachtung, wie sie zwischen Partnern notwendig ist. Betrachte z. B. einen Baum, du siehst seine Blätter, die Äste und seinen Stamm als Teile von ihm. Du kannst den Baum aber auch als eine Form im Raum mit Tiefe und Richtungen erleben. Erfahre den Baum als etwas Lebendiges mit Seele und du wirst den Baum sogar philosophisch begreifen können."

...Es bleibt zu wünschen, daß Nesrin Topkapi dem türkischen Tanz einen dauerhaften Impuls verleihen kann, einen Impuls, der für den orientalischen Tanz im westlichen Europa gleichermaßen von Vorteil sein könnte.

Gesamtartikel von Walter Buckel:
S. 6-11 in der Aprilausgabe von TANZOriental