Wann beginnt eine Reise? Mit der Hektik des Kofferpackens oder setzt das Reisefieber schon viel früher ein? Liegt der Beginn einer Reise nicht auch in der Vergangenheit, wenn durch Erzählungen, Abenteuer oder Berichte von Reisenden der Drang in fremde Länder geweckt wird?...

...Der ganze Zauber des Orients thut sich auf, und alle Mysterien desselben umgaukeln uns bei dieser Lektüre, versprach 1871 Louise Mühlbach der Leserschaft ihrer Reisebriefe. Für sie lag der Orient im Schatten der Pyramiden, andere Frauen suchten seinen Zauber eher an den "süßen Wassern Asiens", und die selbstbewußte Beobachterin Gräfin Ida von Hahn-Hahn lüftete1851 in ihren gesammelten Schriften die Schleier des Geheimnisses Orient. Während ihres einjährigen Orientaufenthaltes hatte sie den Ausdruck "Reisendin" erfunden, da sie stolz darauf war, als Repräsentantin des weiblichen Geschlechts berichten zu können, und nun wisse, wie der Orient sich im Auge einer Tochter des Okzidents abspielt...

...In ihrem Bericht plauderte die europäische Aristokratin über den Musengang türkischer Schönheiten, zu denen sie durch Bestechung eines Dragomans eine Konversation bekommen hatte, die sich in einem eleganten europäischen Salon hätte dürfen hören lassen. Die Damen sprachen in den damaligen europäischen Salons hauptsächlich über Toilette und Mode, und so drehte sich das Gespräch der "Reisendin" bei ihrem Ausflug an "die süßen Wasser" ebenfalls darum. Trotzdem ist ihre Beschreibung der türkischen Damenmode jener Zeit nicht ganz ohne Interesse und soll hier nicht vorenthalten werden:
Ihr Anzug war das Hauskleid
aller türkischen Frauen: weite Pantalons, ein ganz enger, sehr langer, gleichsam in drei Schürzen zerschlitzter Rock, dessen Vordertheile durch den Gürtel gezogen werden und eine Art von Tunika bilden, sehr enge Aermel, die gleichfalls aufgeschlitzt bis zu den Knien herabhängen, aber auch durch Knöpfe geschlossen werden können, keine Schuhe, die eine mit Strümpfen, die andre mit nichts, und auf dem Kopf der rothe Fez mit blauem Quast, und mit einer breiten, spitzenähnlichen Garnitur von gelbseidnem Filet, den glänzende Nadeln auf dem prachtvollen schwarzen Haar befestigten, das in halbgeflochtenen Zöpfen, und theilweise ganz aufgelöst, über Nacken, Busen und Schultern fiel...

siehe auch Lady Mary Montagu

Johann Michael Wittmer: An den süßen Wassern Asiens, 1837. München, Neue Pinakothek

Gesamtartikel von Donna Malskies:
S. 4-8 in der Juniausgabe von TANZOriental