A u g u s t 1 9 9 7

 

a k t u e l l

Audio- (Songs and Dances from Morocco), Videobesprechung (Art Oriental 1996)

aktuell: Berichte, Meldungen, Vorschau

 

a l l e r h a n d

Nagua Fouad - Magie des Orients

Erinnerungen an die Egyptian Gardens

Werner: BH-Total

 

t h e m e n

Online - www.tanzoriental.com

Sexualerziehung und Gesellschaftsspiel - Shikhat

Auf den Spuren der Zigeuner - Klischeebilder aus Vergangenheit und Gegenwart

 

k a l e n d e r

Basar-, Reise-, Veranstaltungs-, Workshoptermine

 

Auf den Spuren der Zigeuner -

Klischeebilder der Vergangenheit und Gegenwart

Der spanische Flamenco- Tänzer Joaquin Cortés, der seine Kunst "flamenco fusión" nennt, wird derzeit weltweit wie ein Rockstar gefeiert. In Spanien wird er sogar als Sexsymbol mit Mick Jagger verglichen, und die Zeitschrift Männer Vogue schreibt: wild wie ein Bock, unbärdig und obszön und in der nächsten Sekunde beherrscht und streng. Stampft, als sei er bleischwer, fliegt, als wöge er nichts. Es ist, als zöge Joaquin alle Energie aus dem häßlichen, kunststoffgeplagten schwarzen Boden. Schweißglänzend und leuchtend stößt er in die Luft, penetriert sie mit den Beinen, den Armen, streichelt sie, liebkost sie, lockt und reizt. (1)

Aber nicht nur das macht ihn zum außergewöhnlichen Star - er ist Gitano und will die Botschaft der Gitanos (in Südspanien lebende Zigeuner) in die Welt tragen. Sein Tanz "flamenco fusión" ist eine Mischung aus Flamenco, Jazztanz und Ballett, ein gesungenes und getanztes Glaubensbekenntnis, das er, wie er selbst sagt, in eine universelle Tanzsprache übersetzt. Zigeuner verstanden es im Laufe der Geschichte meisterhaft, ihre musikalische und tänzerische Identität in jedem Land, in jeder Region anders auszudrücken oder anzupassen. In keinem Land, außer im andalusischen Spanien, ist es Sinti und Roma (die offizielle Bezeichnung für Zigeuner) gelungen, eine eigene Musik und Tanz zu kultivieren. Unter strengen Regeln, was insbesondere den Gesang (cante), aber auch den Tanz (baile) betrifft, haben spanische Zigeunerfamilien ihre Kunst gepflegt, mündlich überliefert und "unter Verschluß gehalten". (4)...

 

...Eine Öffnung für andere Kulturen zeichnet sich zwar ansatzweise ab (siehe nachfolgender Bericht über das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinte und Roma), aber Zigeunerkultur bedeutet meist noch "unter sich sein"...

...Das Dokumentationszentrum befindet sich in der Heidelberger Bremeneckgasse 2 und wurde am 16. März dieses Jahres nach drei- jähriger Aufbauzeit in einem feierlichen Festakt eröffnet. Die Idee und der gedankliche Grundstein geht jedoch bis in das Jahr 1980 zurück, als Lord Yehudi Menuhin und seine Schwester Hephzibah Hauser in freundschaftlicher Verbundenheit Romani Rose, Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, wertvolle Anregungen für ein Dokumentations- und Kulturzentrum lieferten. In seiner Festrede sprach Bundespräsident Herzog bewegte Worte: Meinen Glückwunsch zunächst zu diesem schönen Haus. Ich bin hierhergekommen, um zum Ausdruck zu bringen, daß ich der Bundespräsident aller Deutschen bin, also auch der Bundespräsident der deutschen Sinti und Roma. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, muß aber vielleicht doch noch einmal eigens betont werden. Mit unseren jüdischen Mitbürgern teilen Sie, die Sinti und Roma, die schrecklichen Erfahrungen der Verfolgung und des Völkermordes während der Herrschaft des Nationalsozialismus. Das sind Erfahrungen, die Ihr Selbstverständnis entscheidend geprägt haben. Diese Erfahrungen erschweren es manchmal auch, unbefangen miteinander umzugehen. Unbefangenheit hat es in der Vergangenheit kaum gegeben. Eher ein zwiespältiges Verhältnis. Auf der einen Seite gibt es lange Traditionen der "Zigeuner-Romantik" in Deutschland... ...Das Dokumentations- und Kulturzentrum ist aber auch ein Zeichen dafür, daß eine lange von Vorurteilen und Diskriminierungen verfolgte Minderheit ihre Geschicke selbstbewußt in die Hand nimmt...

Donna Malskies

Gesamtartikel: S. 24-32 in der Augustausgabe von TANZOriental

 

 

Nagua Fouad - Magie des Orients  

Wir befinden uns im zweiten Teil der Tanzshow "Magie des Orients". Das Publikum in der am 7. Juni ziemlich warmen Nürtinger Stadthalle hat bereits ein Mammutprogramm hinter sich: 1 Std. 35 Min. dauerte der erste Teil, nach einer Dreiviertelstunde Pause mit Bazar und Imbiß läuft der zweite Teil bereits 1 Std. 40 Min., und wann kommt endlich Nagua Fouad?

Langweilig war der Abend bisher nicht. Die Veranstalterin Svenja El-Bastawisy, die in Nürtingen ein Studio für orientalischen Tanz und Folklore betreibt, hat einiges aufgeboten. Firkat Palmira, vier ägyptische/syrische Musikanten aus Stuttgart, eröffneten das Programm mit Life-Musik an Oud, Violine, Keyboard und Tabla. Svenjas Tanzgruppe Al-Ahram führte in wechselnder Besetzung insgesamt fünf Tänze auf, u. a. Saidi, Khaleegy und Stocktanz. Saliha Hamdi war mit "Tamerhenna" und einem Säbeltänz zu sehen. Selena tanzte einen Raqs Sharqi und eine persische Choreographie von Reza Farnoush...

...Der Beifall, zuerst ungläubig-verhalten, brandet auf, Nagua-Rufe aus dem arabischen Lager. Sie strahlt, beherrscht die Bühne, redet arabisch, scherzt. Sie tanzt zur Kassetten-Musik von Mohamed Abdel Wahab, eine Choreographie, deren Anfang sie am nächsten Tag im Workshop unterrichten wird. Man fühlt sich ein wenig an Tina Turner erinnert. Nagua animiert das Publikum. Tja, die Nürtinger Stadthalle um halb eins ist nicht zu vergleichen mit einem Kairoer Hotel-Nightclub um halb fünf... Nagua hat ihren Trommler dabei, einen jungen, etwas martialisch wirkenden Burschen, der versteht sein Handwerk! Und die anderen Musiker unterstützen ihn. Eine vierköpfige Band in Nürtingen ist allerdings kein Vierzig-Mann-Orchester in Kairo... Doch der Trommler hat alles im Griff. Mit dem Blick des Dompteurs läßt er Nagua nicht aus den Augen, und sie ist ein Raubtier - unbändig-wild, hingebungsvoll-verschmust. Wenn das Mitklatschen des Publikums zu verebben droht, stachelt es ein feuriger Blick wieder an. Oder der Rock wird bis übers Knie gelupft. Als Nagua mit Zimbeln von der Bühne herabsteigt und sich durch die Reihen begibt, geraten die Zuschauer, vor allem die arabischen, beinahe in Ekstase - Magie des Orients.

Roswitha Möhl

Gesamtartikel: S. 4-5 in der Augustausgabe von TANZOriental

 

 

 

Sexualerziehung und Gesellschaftsspiel - Shikhat

...Schon vor der Hochzeitszeremonie gibt es viele Festivitäten, streng nach Geschlechtern getrennt: Frauen und Männer haben eigene, unterschiedliche Feste und Zeremonien, die mindestens drei Tage dauern, bei reichen Stadtleuten sogar eine Woche. Vor der Unterzeichnung des Heiratsvertrages und bevor die verschleierte Braut in einer geschulterten Sänfte zum Haus des Bräutigams getragen wird, gibt es tagelange Frauenfeste im Haus der Braut, um ihre Mitgift, Kleidung und Schönheit vorzuführen...

...Shikhat ist eine alte Tradition, eine Tanz- und Unterhaltungsform, die nicht nur zu Hochzeitsfeierlichkeiten praktiziert wird, sondern eine wichtige gesellschaftliche Funktion für die abseits der Öffentlichkeit lebenden Frauen hat. In Großstädten, wie Marrakesch oder Fes, können Frauen aus gehobeneren Kreisen heutzutage auch in entsprechender Begleitung in die Disco gehen, wo Shikhat-Bewegungen mit westlichem Disco-Tanz vermengt werden (Musikbeispiele).

Morocco - Aus dem Englischen: Roswitha Möhl

Gesamtartikel: S. 10-15 in der Augustausgabe von TANZOriental

 

 

 

 Erinnerungen an die Egyptian Gardens

...In Betrieb waren die Gardens seit den 40ern im Stile der alten griechischen Blues-Clubs, die in Athen beliebt waren. Ihre Adresse war 301 W. 29th Street, nur wenige Schritte westlich der Eighth Avenue. Das niedrige Ziegelhaus sah genauso aus wie all die anderen im Block, außer der kleinen grünen Markise mit Egyptian Gardens in weißen Buchstaben. Eine Türöffnung lauerte unter dem Sonnendach und führte zu einer muffigen, knarrenden Treppe. Buntes Licht fiel vom Eingang herab auf eine Wandmalerei, die ziemlich plump die Plattenhülle der türkischen Tänzerin Nejla Ates reproduzierte. Das wandfüllende Gemälde war mit einem grünlichen Dunst von Schmutz und Ruß überzogen, so daß es den Anschein erweckte, als befände es sich dort seit Jahrhunderten...

...Gelegentlich komme ich ander Adresse 301 W. 29th Street vorbei, wenn ich mit dem Bus in die Stadt fahre. Mein Blick schweift zum zweiten Stock des Gebäudes, das immer noch dort steht. Einige Sekunden lang bin ich wieder in den alten Egyptian Gardens, die nur noch als Erinnerungsschatz existieren. Ich kann das Klagen der Geige hören, die eindringlichen Klänge von Louis' Lied, ich kann den Feta-Käse riechen und die Weinblätter und ich kann Jemela sehen in jenen dauernd wechselnden Lichtern. Welch besondere Zeit... welch einzigartiger Ort. Ich werde es niemals vergessen. Für immer.

Serena & Rip Wilson -Aus dem Englischen: Roswitha Möhl

Gesamtartikel: S. 18-21 in der Augustausgabe von TANZOriental